Pflegeexperte

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Auf der Grundlage des 1980 erstmals veröffentlichten Forschungsberichts von Hubert und Stuart Dreyfus[1] entwickelte Patricia Benner 1984 ein Stufenmodell des Kompetenzerwerbs in der Pflege. Das theoretische Modell basiert neben dem Dreyfus-Modell auf Interviews und Beobachtungen von Pflegepersonal.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patricia Benner studierte klinische Krankenpflege, um das Wissen, welches in der Pflegepraxis enthalten ist, zu entdecken und zu beschreiben d. h. das Wissen, welches während einer Praxisdisziplin zusammengekommen ist, um den Unterschied zwischen praktischen und theoretischem Wissen zu schildern. Eine der ersten theoretischen Unterscheidungen, die Benner machte, bezog sich auf die Theorie selbst. Benner behauptete, dass Wissensentwicklung in einer Praxisdisziplin aus der Erweiterung des praktischen Wissens (Know-how), durch auf Theorie basierende wissenschaftliche Untersuchungen und durch Beschreibung des vorhandenen "Know-how's" besteht, welches durch klinische Erfahrungen in der Praxis dieser Disziplin entwickelt wurde. Benner stellte fest, dass das praktische Wissen über die Theorie hinausgehen oder Vorläufer von wissenschaftlichen Formeln sein kann. Die Krankenpflege muß die Wissensgrundlage ihrer Praxis entfalten und durch wissenschaftliche Untersuchungen und Beobachtungen anfangen, das Know-how des klinischen Wissens zu dokumentieren und zu entwickeln.

Benners Suche nach einer Theorie des Lernens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benner versuchte eher, das wachsende klinische Wissen aufzuzeigen, als einen typischen Tag einer Krankenschwester zu beschreiben. Benners Erklärung der Pflegepraxis geht über eine rigide Anwendung von Regeln und Theorien hinaus und basiert statt dessen auf vernünftigem Verhalten, das den Forderungen der gegebenen Situation entspricht. Die Fähigkeiten, die durch die Pflegeerfahrung erworben wurde, und das wahrnehmende Bewusstsein, das Pflegeexperten als Entscheidungsträger aus der Gestalt einer Situation heraus entwickeln, führt sie dazu, ihren Ahnungen zu folgen, wenn nach Erklärungen für die kleinen beobachteten Veränderungen bei Patienten gesucht wird. Wenn Pflegekräfte Erfahrungen machen, wird das klinische Wissen zu einer Mischung aus praktischem und theoretischem Wissen. Die Sachkenntnisse entwickeln sich in dem Maße, in dem die Pflegenden auf Prinzipien basierende Erwartungen in der aktuellen Situation testen und modifizieren. Benner teilt die Meinung von Heidegger: der Mensch als selbstinterpretierndes Wesen, das durch Interesse, Tätigkeiten und Lebenserfahrungen definiert wird. Menschen sind immer befindlich, d. h. in dem Kontext bedeutungsvoll engagiert, wo sie sind. Menschen kommen in Situationen mit einem Verständnis des Selbst in der Welt. Heidegger nannte dieses Wissen, das entsteht, wenn man in einer Situation involviert ist, praktisches Wissen. Benner und Wrubel behaupten, dass fachliches Geschick, welches durch unsere verkörperte Intelligenz ermöglicht wird, lange Zeit niedriger als intellektuelle, reflektierte Tätigkeit eingestuft wurde.


Benners Anwendung des Dreyfus-Modells[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Benner und Kramer untersuchten die Unterschiede zwischen Pflegepersonal, die in Spezialabteilungen, und solchen, die in normalen Krankenhausstationen arbeiteten. 1974 und 1975 war sie Forschungsberaterin für eine Tätigkeitsstudie, in der die Nützlichkeit und die Produktivität des Pflegepersonals ermittelt wurde. Von 1978 bis 1981 war sie Autorin und Projektleiterin einer mit Bundesmitteln finanzierten Studie. Als Ergebnis dieser Forschung wurde From Novice to Expert veröffentlicht. Benner und Wrubel erläuterten den Hintergrund dieser Studie in dem Buch The Primacy of Caring: Stress and Coping in Health and Ilness, wo das Modell weiterentwickelt wird als eine interpretative Theorie der Pflegepraxis, die sich damit beschäftigt den Patienten zu helfen, mit der Belastung des Krankseins fertig zu werden.

Das Primat der Pflege bezieht sich auf folgende drei Punkte:

  1. auf Erzeugung sowohl von Belastungen als auch von Bewältigung in der gelebten Erfahrung von Gesundheit und Krankheit.
  2. auf die befähigende Bedingungen der Pflegetätigkeit (eigentlich jeder Tätigkeit).
  3. auf die Art und Weise, wie die Pflegetätigkeit die auf einer solchen Einführung basiert, dem Ausgang der Krankheit positiv beeinflussen kann.

Übertragung des Dreyfus-Modells[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dreyfus-Modell bezieht sich auf Situationen und beschreibt fünf Ebenen des Erwerbs und der Entwicklung von Fähigkeiten:

  1. Ebene des Anfängers,
  2. des fortgeschritten Anfängers,
  3. der fachlichen Kompetenz,
  4. der Erfahrung und
  5. des Experten.

Diese Ebenen repräsentieren Veränderungen bei der Ausübung von Fähigkeiten, so vollzieht sich eine Bewegung weg von Vertrauen auf abstrakte Prinzipien der Anfängerebene hin zur Anwendung von vergangenen Erfahrungen. Eine zweite Veränderung beim Lernenden erfolgt in der Wahrnehmung der Situation von einer Sammlung einzelner relevanter Teile zum Sehen des Ganzen mit mehr oder weniger deutlich herausragenden Aspekten. Die dritte Veränderung betrifft den zuerst gleichgültigen außenstehenden Beobachter, der zu einem Teilnehmer wird, welcher sich mit der Situation beschäftigt. Das Leistungsniveau kann nur durch unwillkürliche Gültigkeitserklärungen von Experten beurteilt und durch Einschätzung der Ergebnisse der Situation bestimmt werden.

Das Dreyfus-Modell des Fähigkeitserwerbs wurde als Ergebnis einer Untersuchung an Piloten in Notsituationen sowie an Schachspielern entwickelt. Als Benner dieses Modell auf die Pflege anwendete, schrieb sie, dass fachmännische Pflege eine gesunde Ausbildungsgrundlage erfordert, die eine sichere und schnelle, auf Erfahrung begründete Fähigkeitsaneignung erlaubt. Fähigkeit und fachmännische Tätigkeit, wie sie von Benner definiert sind, bedeuten fachmännische Pflegeinterventionen und klinisches Urteilsvermögen in tatsächlichen klinischen Situationen.

Aus Fähigkeiten, die aus aktuellen Praxissituationen stammen, wurden sieben Gebiete induktiv auf der Grundlage der Ähnlichkeit der Funktionen und Absicht abgeleitet.

  1. Helferrolle;
  2. Lehrer- Trainer- Funktion;
  3. Diagnostische und Patientenüberwachungs- Funktion;
  4. Effektives Management von schnell sich ändernden Situationen;
  5. Verabreichung und Überwachung therapeutischer Interventionen und Behandlungen;
  6. Überwachung und Einhaltung der Qualität der Pflegetätigkeiten;
  7. Organisatorische und arbeitstechnische Fähigkeiten.

Ebenen der Pflegekompetenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neulinge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Anfängerstadium des Fähigkeitserwerbs vom Dreyfus- Modell gibt es keinen Hintergrund des Verstehens, sondern kontextfreie Regeln und Attribute sind für eine sichere Tätigkeit in dieser Situation erforderlich. Benner erwähnte, dass es für eine promovierende Krankenschwester ungewöhnlich sei, wenn sie eine Anfängerin wäre. Sie hat die Möglichkeit beschrieben, dass eine Krankenschwester, die auf dem einen Tätigkeitsgebiet Fachfrau ist, auf dem anderen eine Anfängerin sein kann. Studenten, die im ersten Jahr ihrer Pflegeausbildung sind, können auf der Anfängerebene beginnen, aber dieser Ausdruck trifft nicht auf Pflegekräfte zu, die ihre Ausbildung gerade beendeten. Diese werden in den meisten Fällen auf der Ebene der fortgeschrittenen Anfänger tätig.

Fortgeschrittene Anfänger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Stadium der fortgeschrittenen Anfänger entwickelt sich in dem Dreyfus-Modell, wenn Mindestleistungen erbracht werden, genügend reale Situationsbewältigung vorhanden ist oder von einem Mentor die bedeutsamen Komponenten der Situation gezeigt wurden. Fortgeschrittene Anfänger haben genug Erfahrung, um die Aspekte der Situation zu erfahren. Im Gegensatz zu Attributen und Merkmalen können Aspekte nicht vollständig konkretisiert werden, weil sie Erfahrungen erforderlich machen, die auf der Erkenntnis in Zusammenhang mit der Situation beruhen.

Kompetente Pflegende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das kompetente Stadium des Dreyfus-Modells wird durch starkes Bewußtsein und überlegte Planung gekennzeichnet, die bestimmen, welche Aspekte bei gegenwärtigen und zukünftigen Situationen wichtig sind und welche ignoriert werden können. In diesem Stadium gibt es ein gesteigertes Effizienzniveau.

Erfahrene Pflegende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Erfahrungsstadium des Dreyfus-Modells nimmt der Handelnde die Situation als ganze wahr (das ganze Bild) statt in einzelnen Aspekten, und die Leistung wird durch Maxime bestimmt. Erfahrungsniveau ist qualitativ ein Sprung über das kompetente Stadium hinaus. Jetzt erkennt der Handelnde die bedeutsamen Aspekte und begreift intuitiv die Situation, was auf dem Verstehen des Hintergrunds basiert.

Pflegeexperten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Pflegekraft befindet sich auf der Ebene des Pflegeexperten, wenn ein sogenanntes erfahrungsbasiertes fachsystematisches Vertiefungswissen erworben wurde, welches sich durch die verantwortungsvolle Wahrnehmung von wenig strukturierten Aufgaben zeigt, die ein hohes Maß an Arbeitserfahrung und die Aneignung vertieften fachtheoretischen Wissens erfordern. Benner beschreibt Pflegeexperten als diejenigen, welche intuitiv die Situation verstehen und direkt auf den zentralen Bereich des Problems zugehen, ohne Betrachtungen an alternative Diagnosen und Lösungen zu verschwenden. Fachlich versiertes Pflegepersonal ist in der Lage, dies aufgrund seines enormen Erfahrungshintergrundes, der auf Paradigmafällen beruht, zu tun.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Patricia Benner: Stufen zur Pflegekompetenz. From Novice to Expert. Verlag Hans Huber, Bern 1994 ISBN 3-456-82305-3
  • Patricia Benner, Judith Wrubel: The Primacy of Caring: Stress and Coping in Health and Illness. Menlo Park; Addison Wesley Publishing 1989 (engl.)


Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zielke-Nadkarni, A. (2005): "Das Kompetenzentwicklungsmodell nach Benner als Grundlage von Wahrnehmungs- und Beobachtungsschulung", in: Unterricht Pflege (Zeitschrift) 5/2005, S.2

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]